Warum Friedrich Schiller ?

Warum haben wir für einen Bund zur Förderung politischer Bildung Friedrich Schiller als Namensgeber gewählt? Warum nicht Kant oder Goethe oder Marx?

Die Wahl ist schon überlegt, denn unter den Klassikern sticht Schiller mit seinem Interesse für politische Zusammenhänge in besonderer Weise heraus. Schon Kabale und Liebe war ein zutiefst politisches, heute würden wir sagen: sozialkritisches Stück. Gedanken zu Freiheit und Demokratie ziehen sich durch sein ganzes Werk, vom Fiesco bis hin zum unvollendeten Demetrius. »Schillers Ästhetik ist von Anfang an politische Ästhetik. In allen seinen Dramen wird um Herrschaft und um Freiheit gerungen.«, sagt Walter Müller-Seidel in seinem Buch „Friedrich Schiller und die Politik“.

Schillers Fähigkeit zu abstrahieren, die Dinge auf das Wesentliche zurückzuführen,  lassen seine Gedanken immer wieder erstaunlich aktuell erscheinen. Was er 1793 an den Herzog von Augustenburg schrieb, das könnte einer heutigen Rede zur Lage in Europa entnommen sein:

So lange aber der oberste Grundsatz der Staaten von einem empörenden Egoismus zeugt, und solange die Tendenz der Staatsbürger nur auf das physische Wohlsein beschränkt ist, so lange, fürchte ich, wird die politische Regeneration, die man so nahe glaubte, nichts als ein schöner philosophischer Traum bleiben.

EU Parlament.

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Was ihn, den Professor für Philosophie, immer wieder umtrieb, war der Traum, die Gedanken der großen Philosophen seiner Zeit einem breiten Publikum zugänglich zu machen. In den von ihm herausgegebenen Zeitschriften Thalia und mehr noch in Die Horen ging Schiller diesem Ziel mit großem Enthusiasmus nach. Dabei stieß er auf ein Problem:

Die Forderungen der Gelehrten und die Wünsche des Lesers […] sind einander gar zu oft entgegen gesetzt: jene verlangen Tiefe und Gründlichkeit, welche leicht eine Dunkelheit und Trockenheit erzeugt, dieser fordert Leichtigkeit und Schönheit, welche gar leicht zu Oberflächlichkeit verleiten. Die große Schwierigkeit [ist], zwischen beiden Klippen glücklich vorbei zu kommen.

Mit dieser Schwierigkeit sind wir heute (wieder) in besonderer Weise konfrontiert. Die Menschen verlangen einfache Antworten auf immer komplexer werdende Fragen – eine der größten Herausforderungen für die politische Bildung. Es bringt nichts, wenn diese Fragen nur noch in der akademischen Debatte hinreichend tiefgründig behandelt werden und das Volk davon ausgeschlossen bleibt. Auch Schiller hielt nicht viel davon, die Gedanken davonfliegen zu lassen und seiner Zeit weit voraus zu sein. Er sah seinen Platz im Hier und im Jetzt. „Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und für ein andres gearbeitet haben.“ So oft sein Mühen auch enttäuscht wurde, behielt er doch immer ungeheuren Zukunftsoptimismus:

Aber je mehr das beschränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannung setzt, einengt und unterjocht, desto dringender wird das Bedürfnis, durch ein allgemeines und höheres Interesse an dem, was rein menschlich und über allen Einfluss der Zeiten erhaben ist, sie wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen.


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